Montag, 21. November 2011

Was ich lese ... im November 2011 - die dritte

Weiter geht es mit der November-Lektüre: 
Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky stand dieses Jahr auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 
Erzählt werden drei Tage aus dem Leben einer Biologielehrerin in Mecklenburg-Vorpommern. Inge Lohmark ist ein aussterbendes Gewächs, fachlich brillant, eine perfekte Vertreterin des klassischen Frontalunterrichts. Mit scharfem Blick betrachtet sie die Schüler, die sie unterrichten muss. Die meisten verachtet sie, Mitleid oder Nachsicht fehlen in ihrem Repertoire. Auch im Übrigen ist sie politisch völlig unkorrekt. So bezeichnet sie etwa den Druck von Monets Seerosen im Schulkorridor als "sumpfiges Geschmiere im Querformat" und setzt die "krautigen Wasserpflanzen" in Gegensatz zu den "prachtvollen Medusen", den präzisen Abbildungen verschiedener Quallen, die sie selbst aufgehängt hat (S. 31ff). Inge Lohmark fehlen vielleicht noch zehn Jahre bis zu ihrer Pensionierung, aber die neunte Klasse, die sie übernommen hat, wird ihre letzte an diesem Gymnasium sein, das wegen Kindermangel geschlossen wird. Der Unterricht an Grund- oder Realschule scheint ihr unmöglich, sie will nicht noch weiter hinter ihr Niveau zurückgehen. Nicht nur der Ausblick auf ihr Berufsleben ist trist, mit ihrem Mann spricht sie nicht mehr, die einzige Tochter lebt seit Jahren in  den USA, von ihrer Heirat erfährt Inge Lohmark durch eine unpersönliche Hochzeitsanzeige per E-Mail. Die Stimmung des Buches ist grau, wie das Wetter der drei geschilderten Tage. Dennoch fasziniert der Einblick in dieses Innenleben, weil seine Beschreibung so gestochen scharf ist wie die wunderbaren Illustrationen des Buches.
Am Ende droht Inge Lohmark ein Disziplinarverfahren, sie wird vielleicht nicht einmal diesen letzten Jahrgang zum Abitur führen, und ihre ungewöhnliche Erschöpfung lässt vermuten, dass sie an einer schweren Krankheit leidet. Aber sie erkennt, dass das Leben nicht vom Zufall gesteuert wird. Die Giraffe ist nicht durch Zufall und Mutation zu ihrem langen Hals gekommen, sondern weil sie sich gereckt und gestreckt hat, weil sie sich angestrengt hat - eine Ansicht, die mittlerweile unter Evolutionsbiologen wieder diskutiert wird: das Verhalten prägt sich schließlich dem Erbgut ein (Spiegel-Artikel über Bienen, 23.08.2010 und über Schnecken, 28.04.2011). Und sie erkennt, dass die entscheidende Frage lautet: Was gibt es anderes als das Hier (S.217) und das man die Antwort darauf nicht in der Schule lernt (S.218). So gesehen würde der Ausdruck "Entwicklungsroman" das Buch besser charakterisieren als "Bildungsroman".
Ich habe den Text von Judith Schalansky mit Vergnügen gelesen, und auch die äußere Erscheinung des Buchs, mit seinem altmodischen Leineneinband und der geprägten Schrift fand ich sehr ansprechend. 
Sehr empfehlenswert.

A Guide to the Birds of East Africa von Michael Dryson
(Kleiner Führer zur Vogelwelt Ostafrikas)
Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich die anrührende Liebesgeschichte des rundlichen, beinahe kahlen Mr. Malik, dessen Großvater von Indien nach Kenia auswanderte. Seine Herzensdame ist Rose Mbikwa, die jeden Dienstag vogelkundliche Führungen für Touristen und einheimische Hobbyornithologen veranstaltet. Konkurrenz bekommt er dabei von einem ehemaligen Mitschüler, dem selbstbewussten, gutaussehenden Harry Khan. Wie es schließlich zu einer Wette zwischen den beiden Männern kommt, für die jeder soviel Vogelarten wie möglich identifzieren muss, wird sehr vergnüglich und kurzweilig erzählt.
Die Geschichte ist ein Märchen, aber eines von denen, die dem Leser frischen Mut geben.
Wie üblich finde ich die englische Version besser, aber die deutsche Übersetzung ist annehmbar.
Soviel für heute. Adio - lest mit Freude.

                                                                Lesende  von Lamb

Samstag, 12. November 2011

Was ich lese ... im November 2011 - Fortsetzung

Hier nun die meine Eindrücke zu meiner Lektüre im Oktober/November:
Die Werke von F.C.Delius:
  • Die Flatterzunge: Die erdachte Rechtfertigung eines Musikers der Berliner Phiharmoniker, der während einer Tournee in Israel eine Rechnung in der Hotelbar mit "Adolf Hitler" unterschrieb und darauf fristlos entlassen wurde. Nach einem wirklichen Vorfall im Jahr 1998.   
  • Bildnis der Mutter als junge Frau: Die Gedanken einer jungen Frau (Delius' Mutter) während eines Spaziergangs in Rom 1943 von ihrer Unterkunft bei den Diakonissen bis zu einer evangelischen Kirche, kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes (Delius), erzählt in einem, einzigen langen Satz.  
  • Die Birnen von Ribbeck: Langer Monolog eines Bauern aus dem Havelland in Brandenburg kurz nach der Wende, anlässlich der Pflanzung eines neuen Birnbaums vor der Kirche von Ribbeck durch Westdeutsche. Anhand der Ballade von Fontane betrachtet er kritisch die Stationen des Dorfes von der Feudalzeit bis zu Gegenwart.  
  • Unsere Siemens-Welt. Eine Festschrift: Eine fiktive Festschrift zum 125-jährigen Bestehen der Firma Siemens, eine scharfe Kritik in Form der üblichen Lobpreiss zu solchen Anlässen.
  • Mein Jahr als Mörder: Beichte (vom Autor so genannt) eines Mannes, der als junger Student im Jahr 1968 plante, den Richter R. zu töten, nachdem dieser freigesprochen worden war, obwohl er unter der NS-Herrschaft als Beisitzer von Freisler Hunderte von Todesurteilen gefällt hatte. Damit verbunden, die Geschichte des Ehepaars Groscurth, mit dessen Sohn der Erzähler befreundet ist. Georg Groscurth wurde wegen Widerstand gegen das Nazi-Regime von R. verurteil und  hingerichtet, Anneliese Groscurth wegen ihrer humanitären Ansichten und weil sie sich weigerte, sich der Diktatur der Ideologien zu unterwerfen,  in der jungen Bundesrepublik verfolgt.                                                
Meine Meinung:
Delius ist ein akribischer Chronist bundesdeutscher Geschichte, der mit klarem Blick in düstere Winkel schaut und auf die unguten Dinge weist, die dort hingeschoben werden. Dabei ist er frei von ideologischem Ballast, seine z.T. sehr nüchterne Darstellung veranlasst manche Kritiker dazu, ihm mangelnde literarische Gestaltung vorzuwerfen. (z.B. Thomas Steinfeld in seinem Artikel in SZ vom 18.05.2011). Ich finde aber gerade das angenehm, mir wird keine Meinung aufgedrängt, ich bleibe unbeeinflusst in meiner Beurteilung der geschilderten Vorgänge.
Delius' Sprache gefällt mir durchgehend sehr gut, sie ist klar und poetisch und durchaus anrührend, auch von starker, visueller Kraft, z.B. in der Beschreibung des Weges in "Bildnis der Mutter als junge Frau", wo er sich auch in bewundernswerter Weise in die junge Frau hineinversetzt.
Am stärksten beeindruckt hat mich jedoch "Mein Jahr als Mörder", das ich unbedingt als Lektüre empfehlen möchte. Das Unrecht des Nazi-Regimes ist weithin bekannt, aber das Unrecht, das unter bundesdeutscher Rechtssprechung geschehen ist, sollte nicht vergessen werden. Auch dabei vermeidet Delius jedes ideologische Urteil. Die Darstellung des Kampfes von Anneliese Groscurth um ihre Rechte, ohne ihre Integrität zu verlieren und in die "Kohlhaas" - Falle zu tappen, ist ein bewegendes Plädoyer für die Bewahrung der Menschlichkeit.
Fazit:

Die Werke, von Delius, die ich bisher gelesen habe, möchte ich unbedingt empfehlen, wenn man etwas in guter Sprache über die neuere deutsche Geschichte lesen will, ohne vom Autor "überfahren" zu werden. Ich fände sie auch für den Unterricht geeignet, da sie m.A. nach die Urteilsbildung fördern.
Bis zum nächsten Mal - Adio, lest mit Freude.


Die Lesende - Bronze von Wolf Ritz, Aachen
                                                  


                                  

Donnerstag, 10. November 2011

Was ich lese ... im November 2011

Ich beginne die Kaufliste mit den Büchern, die ich schon im Oktober erworben habe:
F.C.Delius: Die Flatterzunge
                  Bildnis der Mutter als junge Frau
                  Die Birnen von Ribbeck
                  Unsere Siemens-Welt Eine Festschrift
                  Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Katharina Hagena. Was die wilden Wellen sagen: Der Seeweg durch den Ulysses

Nicholas Drayson: A Guide to the Birds of East Africa

Heruntergeladen von Gutenberg. org. habe ich: 
 James Joyce: Ulysses

 Zusätzlich habe ich aus der Bücherei ausgeliehen: 
F.C.Delius: Mein Jahr als Mörder
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

 Gelesen habe ich davon bisher: 
Die Flatterzunge
Bildnis der Mutter als junge Frau
Die Birnen von Ribbeck
Unsere Siemens-Welt 
A Guide to the Birds of Africa
Der Hals der Giraffe
Außerdem habe ich gelesen: 
Fritz Möbius: Hinter den Katzenhäusern

Aufgeschlagen liegen: 
Mein Jahr als Mörder
Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege

Keine schlechte Ausbeute, nicht wahr? 
Das liegt aber nur daran, dass ich durch die Büchnerpreis-Verleihung auf F.C.Delius aufmerksam wurde und seine Werke nicht sehr umfangreich sind. 
Im nächsten post werde ich meine Eindrücke beschreiben. 
Adio, lest mit Freude!


                                           Buchhandlung in Paris








              
                                                                                                                                    

Was ich lese ...

Es gibt ein sehr gutes Buch von Nick Hornby: The Complete Polysyllabic Spree, zu deutsch: Mein Leben als Leser, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch. Der englische Untertitel lautet: The Diary of an Occasionally Exasparated But Ever Hopeful Reader - Tagebuch eines, manchmal genervten, aber stets hoffnungsvollen Lesers
Er führt darin die Bücher auf, die er in einem Monat gekauft und gelesen hat. Die Herausgeber der Zeitschrift Believer, in der diese Besprechungen erschienen - von Hornby, halb ehrfürchtig, halb spöttisch, als menacingly serene - bedrohlich gelassen und chillingly eccstatic - eisig verzückt beschrieben - ließen ihm zwar die Wahl, welche Bücher er besprechen wollte, verboten aber jede Art von Verriss: Entweder rezensierte er positiv oder gar nicht. Eine Herausforderung, wie Hornby feststellte, sobald ihm das erste Buch nicht gefiel. Eine Lösung des Dilemmas fand er schließlich darin, möglichst nur solche Bücher zu kaufen, die ihm gefallen könnten. Tat er doch einen Fehlgriff, gab er an, dass er nicht zu Ende gelesen hatte. Wer Nick Hornby und moderne,englische Literatur, sowie gut geschriebene Sachbücher mag, sollte diese Sammlung von Rezensionen unbedingt lesen.
Die lange Einleitung soll nun folgendes ankündigen: 
Auch ich will, ab November 2011, in diesem Blog aufschreiben, was ich gekauft und was ich gelesen habe -  wahrscheinlich nicht so regelmäßig wie Nick Hornby und bestimmt nicht so witzig, mehr wie eine Art Tagebuch - das Tagebuch einer, manchmal genervten, aber stets hoffnungsvollen, Leserin.
Lesende (r) von Wladimir Lindenberg, 1952