Weiter geht es mit der November-Lektüre:
Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky stand dieses Jahr auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.
Erzählt werden drei Tage aus dem Leben einer Biologielehrerin in Mecklenburg-Vorpommern. Inge Lohmark ist ein aussterbendes Gewächs, fachlich brillant, eine perfekte Vertreterin des klassischen Frontalunterrichts. Mit scharfem Blick betrachtet sie die Schüler, die sie unterrichten muss. Die meisten verachtet sie, Mitleid oder Nachsicht fehlen in ihrem Repertoire. Auch im Übrigen ist sie politisch völlig unkorrekt. So bezeichnet sie etwa den Druck von Monets Seerosen im Schulkorridor als "sumpfiges Geschmiere im Querformat" und setzt die "krautigen Wasserpflanzen" in Gegensatz zu den "prachtvollen Medusen", den präzisen Abbildungen verschiedener Quallen, die sie selbst aufgehängt hat (S. 31ff). Inge Lohmark fehlen vielleicht noch zehn Jahre bis zu ihrer Pensionierung, aber die neunte Klasse, die sie übernommen hat, wird ihre letzte an diesem Gymnasium sein, das wegen Kindermangel geschlossen wird. Der Unterricht an Grund- oder Realschule scheint ihr unmöglich, sie will nicht noch weiter hinter ihr Niveau zurückgehen. Nicht nur der Ausblick auf ihr Berufsleben ist trist, mit ihrem Mann spricht sie nicht mehr, die einzige Tochter lebt seit Jahren in den USA, von ihrer Heirat erfährt Inge Lohmark durch eine unpersönliche Hochzeitsanzeige per E-Mail. Die Stimmung des Buches ist grau, wie das Wetter der drei geschilderten Tage. Dennoch fasziniert der Einblick in dieses Innenleben, weil seine Beschreibung so gestochen scharf ist wie die wunderbaren Illustrationen des Buches.
Am Ende droht Inge Lohmark ein Disziplinarverfahren, sie wird vielleicht nicht einmal diesen letzten Jahrgang zum Abitur führen, und ihre ungewöhnliche Erschöpfung lässt vermuten, dass sie an einer schweren Krankheit leidet. Aber sie erkennt, dass das Leben nicht vom Zufall gesteuert wird. Die Giraffe ist nicht durch Zufall und Mutation zu ihrem langen Hals gekommen, sondern weil sie sich gereckt und gestreckt hat, weil sie sich angestrengt hat - eine Ansicht, die mittlerweile unter Evolutionsbiologen wieder diskutiert wird: das Verhalten prägt sich schließlich dem Erbgut ein (Spiegel-Artikel über Bienen, 23.08.2010 und über Schnecken, 28.04.2011). Und sie erkennt, dass die entscheidende Frage lautet: Was gibt es anderes als das Hier (S.217) und das man die Antwort darauf nicht in der Schule lernt (S.218). So gesehen würde der Ausdruck "Entwicklungsroman" das Buch besser charakterisieren als "Bildungsroman".
Ich habe den Text von Judith Schalansky mit Vergnügen gelesen, und auch die äußere Erscheinung des Buchs, mit seinem altmodischen Leineneinband und der geprägten Schrift fand ich sehr ansprechend.
Sehr empfehlenswert.
A Guide to the Birds of East Africa von Michael Dryson
(Kleiner Führer zur Vogelwelt Ostafrikas)
Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich die anrührende Liebesgeschichte des rundlichen, beinahe kahlen Mr. Malik, dessen Großvater von Indien nach Kenia auswanderte. Seine Herzensdame ist Rose Mbikwa, die jeden Dienstag vogelkundliche Führungen für Touristen und einheimische Hobbyornithologen veranstaltet. Konkurrenz bekommt er dabei von einem ehemaligen Mitschüler, dem selbstbewussten, gutaussehenden Harry Khan. Wie es schließlich zu einer Wette zwischen den beiden Männern kommt, für die jeder soviel Vogelarten wie möglich identifzieren muss, wird sehr vergnüglich und kurzweilig erzählt.
Die Geschichte ist ein Märchen, aber eines von denen, die dem Leser frischen Mut geben.
Wie üblich finde ich die englische Version besser, aber die deutsche Übersetzung ist annehmbar.
A Guide to the Birds of East Africa von Michael Dryson
(Kleiner Führer zur Vogelwelt Ostafrikas)
Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich die anrührende Liebesgeschichte des rundlichen, beinahe kahlen Mr. Malik, dessen Großvater von Indien nach Kenia auswanderte. Seine Herzensdame ist Rose Mbikwa, die jeden Dienstag vogelkundliche Führungen für Touristen und einheimische Hobbyornithologen veranstaltet. Konkurrenz bekommt er dabei von einem ehemaligen Mitschüler, dem selbstbewussten, gutaussehenden Harry Khan. Wie es schließlich zu einer Wette zwischen den beiden Männern kommt, für die jeder soviel Vogelarten wie möglich identifzieren muss, wird sehr vergnüglich und kurzweilig erzählt.
Die Geschichte ist ein Märchen, aber eines von denen, die dem Leser frischen Mut geben.
Wie üblich finde ich die englische Version besser, aber die deutsche Übersetzung ist annehmbar.



